Aktuelle Informationen

Interview mit Ing. Franz Gugerell MSc

In diesem Teil der Experteninterviewserie wurde mit Herrn Ing. Franz Gugerell MSc, Geschäftsführer der IG Passivhaus GmbH gesprochen.

(c) Atelier Fuchsluger

Die IG Passivhaus ist eine unabhängige Interessensvertretung für die Verbreitung des Passivhaus-Standards in Österreich. Gegliedert in den Dachverband IG Passivhaus Österreich und 7 regionale Vereine, ist sie national flächendeckend vertreten.

Die IG Passivhaus ist eine Kommunikations-, Beratungs- und Forschungs- Dachplattform für die Weiterentwicklung von Passivhaus-Gebäuden, sie repräsentiert ca. 320 Unternehmen mit rund 24.000 Arbeitsplätzen, die sich aktiv dem nachhaltigen Baustandard Passivhaus widmen.

Wie beurteilen Sie den Status des Passivhausbaus in Österreich derzeit, wie hat sich dieser in der Vergangenheit entwickelt und welche Entwicklungen sehen Sie für die Zukunft?

Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Passivhaustechnologie angekommen ist, sowohl in der Politik als auch bei den Bauträgern. Jetzt befinden wir uns in einer Konsolidierungsphase, das heißt, wir haben die Pionierphase beendet und es geht darum, das Produkt zu festigen. Die Materialien und das Know-How sind vorhanden, die Breite in der Umsetzung des Passivhausstandards ist jedoch noch nicht erreicht. Die Branche befindet sich derzeit nach dem anfänglichen Aufschwung auf einem Plateau der ersten Sättigung. Der Mehraufwand für die höhere Qualität und die gleichzeitig sinkenden Wohnbaufördermittel stellen ein Hemmnis dar. Zugute kommt dem Passivhausstandard allerdings, dass neue Anforderungen an den Gebäudestandard („Nearly Zero Emission Building“ bis 2020) die Passivhaustechnologie forcieren werden.

Wie hoch ist der Anteil an Passivhausneubauten derzeit?

Die mir bekannten Zahlen aus Niederösterreich belegen, dass im geförderten Geschoßwohnbau etwa 2,5 – 3 % der Neubauten im Passivhausstandard errichtet werden. Im geförderten Einfamilienhausbau liegt dieser Anteil bei rund 15 - 20%.

Welche Rolle spielt der Neubau, welche die Sanierung im Passivhausstandard?

Das Passivhaus definiert sich immer noch zu einem großen Teil über den Neubau. In den letzten Jahren hat es allerdings einige Projekte in Richtung Sanierung auf Passivhausstandard gegeben. Im Neubau werden Produkte und Fertigkeiten entwickelt, die dann auch im Bereich der Sanierung angepasst eingesetzt werden können. Mittlerweile wurden auch die Anforderungen und das Berechnungsprogramm (PHPP) für die Sanierung erweitert.

Wie sieht die internationale Passivhausbranche aus und welche Rolle spielt Österreich darin?

Österreich ist nach wie vor Vorreiter in den pro Kopf realisierten Projekten, wir werdenvon der internationalen Baubranche nach wie vor beobachtet und als Referenzland besucht. Jene heimischen Firmen, die im Bereich Passivhauskomponenten gut am Markt vertreten sind, sind auch im Export vertreten. Neben Österreich merke ich ein sehr großes Engagement in unseren Nachbarändern, diese sind sehr bemüht den bestehenden Rückstand zu verringern. Neben europäischen Ländern, in erster Linie sind dies osteuropäische Länder, interessiert sich derzeit auch China sehr für diese Technologie. Beispielsweise finden derzeit Vortragsserien österreichischer Experten zum Thema Passivhaustechnologie in China statt. Aktueller Antrieb ist sicherlich die schlechte Luftqualität in den Ballungszentren, die eine Beschäftigung mit den Themen Energieverbrauch, Emissionen etc. unausweichlich machen.

Wie sehen Sie die österreichische Passivhaus-Branche positioniert?

Seitens der Industrie gibt es in Österreich sehr gute Produkte, im Baugewerbe und Handwerk gibt es eine Reihe an Vorzeigeunternehmen. Allerdings besteht noch ein Nachholbedarf in der Ausführungsqualität, das beschränkt sich allerdings nicht auf die Passivhausbau-Branche generell, sondern betrifft die Baubranche an sich. Der hohe Qualitätsstandard des Passivhauses ist vom hier angesprochenen Facharbeitermangel verstärkt betroffen.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Etablierung des Passivhaus-Baustandards in Österreich und wie wird damit umgegangen?

Die größte Herausforderung liegt in der Qualitätssicherung bei der Umsetzung von Projekten im Passivhausbereich. Da gibt es einen großen Weiterbildungsbedarf, sodass das Fachpersonal die Planungen dann auf der Baustelle auch umsetzen kann. Im Weiterbildungsbereich gibt es viele Aktivitäten in Österreich, in vielen Bundesländern ist Engagement sichtbar. Allerdings fehlen die gezielte Koordination der einzelnen Maßnahmen sowie die Bündelung der Tätigkeiten zu einheitlichen Standards.

Weiters braucht es gewerkeübergreifende, vernetzte Weiterbildung. Die IG Passivhaus denkt darüber nach, gezielte Ausbildungswege in diesem Bereich zu forcieren, sodass speziell ausgebildete Personen auf der Baustelle vor Ort die verschiedenen Gewerke koordinieren. Bestehende Ausbildungsmöglichkeiten sind der zertifizierte Passivhausplaner und der zertifizierte Passivhaushandwerker. Diese Lehrgänge versuchen bereits das Ziel der Koordination umzusetzen.

Eine Maßnahme um diesen Herausforderungen entgegenzutreten ist es, neben der Forcierung gezielter Ausbildung, gute Umsetzungsbeispiele vor den Vorhang zu holen um das Know-How sichtbar zu machen.

Ein wesentlicher Punkt für die Entwicklung und Etablierung der Passivhaustechnologie ist es, sich bewusst zu machen, wie das Gebäude der Zukunft beschaffen sein wird. Diese Gebäude werden einen Großteil der Energie, die sie verbrauchen, selbst erzeugen. Das Passivhaus stellt in diesem Fall ein sehr gutes Ausgangsprodukt dar. Beim Einfamilienhaus ist es in der Regel so, dass man genug Dachfläche zur Verfügung hat, um die benötigte Energie mittels Solarthermie und Photovoltaik zu erzeugen. Im Gegensatz dazu wird dies im urbanen Raum im Geschoßwohnbau nicht immer möglich sein. Umso wichtiger ist es dann, dass die Effizienz der Gebäudehülle einen hohen Standard aufweist, da dadurch die benötigte Energie deutlich verringert wird. Durch Pilotanlagen und Demonstrationsobjekte muss nun versucht werden, das Funktionieren in der Praxis darzustellen.

Worin sehen Sie den Grund, dass sich der Passivhausstandard derzeit noch nicht flächendeckend etabliert hat?

Der wichtigste Aspekt dabei sind die Kosten, diese liegen ca. 3 – 8% über den Kosten eines vergleichbaren Gebäudes laut Bauordnung. Die Mehrkosten begründen sich im Wesentlichen in den höheren Planungskosten sowie in den höheren Anforderungen an Fenster und Haustechnik.

Werden die Betriebskosten eines Niedrigenergiegebäudes mit einem Passivhaus verglichen, wird ersichtlich, dass die Einsparungen bei rund 50 % liegen. Allerdings geht man hier schon von einem sehr niedrigen Niveau aus, sodass sich die Einsparungen im Bereich von 2,50 €/m²/Jahr im Geschoßwohnbau bewegen, im Einfamilienhausbau sind es rund 3,50 €/m²/Jahr. Diese Summen sind in den meisten Fällen zu gering um die Qualitätssteigerung durch die Passivhauskomponenten zu refinanzieren.

Im Geschoßwohnbau wirken gedeckelte Errichtungskosten hemmend, Förderstellen geben die maximale Bausumme pro m² vor und da können 3% höhere Kosten durchaus einen Unterschied machen. Im Bereich des Einfamilienhausbaus ist das fehlende Qualitätsbewusstsein beim Kunden ein Hemmnis für die Passivhausstandard.

In welchen Bereichen wird der Passivhausbau zukünftig eine besonders wichtige Rolle spielen?

Generell denke ich, dass es zu einer Veränderung im Bereich des Wohnbaus kommen muss. Es muss sich eine verdichtete Form des Wohnangebots etablieren, da das Einfamilienhaus aufgrund der Errichtungskosten und der benötigten Infrastruktur auf Dauer kein finanzierbares Produkt ist. In diesem Fall hat das Passivhaus gute Chancen, da sich die Kosteneffizienz dann anders darstellt.

Büro- und Betriebsgebäude sind ebenfalls ein wichtiges Thema. Als Vorzeigeobjekt ist hier die Energy Base (Passivhaus-Bürogebäude in 1210 Wien) zu nennen. Speziell im Bürogebäudebereich braucht es ein Bewusstsein über die Gesamtenergieeffizienz eines Gebäudes. Hier wird der Ansatz des Passivhauses der über die Gebäudehülle hinausgeht und auch die Nutzung berücksichtigt in seiner Breite erst richtig sichtbar.

Wie beurteilen Sie die rechtlichen Voraussetzungen für den Passivhausstandard in Österreich?

Negativ wirkt sich im Wesentlichen nur die bereits angesprochene Deckelung der Errichtungskosten bei Wohnbauförderungen auf den Passivhausstandard aus. Positiv hervorzuheben sind die nationalen und europaweiten Klima- und Energieziele der Regierung sowie Europas, die energieeffizientes Bauen vorantreiben (siehe Energieeffizienzgesetz, europäische Gebäuderichtlinie etc.).

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Passivhausbau, welche Rolle spielen Förderungen?

In allen Bundesländern gibt es Förderungen, die an die Energieeffizienz der Gebäudehülle gekoppelt sind. Darüber hinaus hat ein Großteil der Bundesländer eine eigene Passivhausförderung. In Niederösterreich sind das beispielsweise beim Einfamilienhaus zusätzliche 20.000 €, das ist ein Betrag, der die Mehrkosten eines Passivhauses abfedern kann.

Die Neubauförderung wird in der derzeitigen Form schwer zu erhalten sein, da ich denke, dass die Gelder stärker in Sanierungstätigkeiten fließen werden.

In welchen Bereichen des Passivhausbaus wird in Österreich geforscht?

Im Bereich der Baustoffe geht es darum, diese intelligenter zu machen. Hier ist exemplarisch der Versuch zu nennen, gleiche Dämmwerte bei verminderter Dämmstärke zu erzielen. Bei der Gebäudetechnik geht es im Wesentlichen um eine Steigerung der Effizienz einzelner Komponenten und ganzer Systeme. Im Bereich der Regelungstechnik spielt die Etablierung einer Smart Home Technologie eine wichtige Rolle, die zum Ziel hat, das gesamte Gebäude intelligent zu steuern.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft der IG Passivhaus in Österreich?

Im Vordergrund der zukünftigen Aktivitäten der IG Passivhaus steht die Qualitätssicherung und die laufende Weiterbildung bei den Mitgliedsunternehmen. Parallel dazu geht es um die Etablierung des Passivhausstandards als Basis für einen zukünftigen Gebäudestandard der sich vom Energieverbraucher zum Energielieferanten wandeln muss.

zur Person:

Ing. Franz Gugerell MSc

 

  • Donauuniversität Krems: Master of Science für Sanierung und Revitalisierung
  • Energieberater
  • Weiterbildungen (PHPP Vertiefung, Energieausweis, Solarwärmeberater, Ökologie der Baustoffe etc.)
  • 1985 - 1989: Voestalpine
  • 1990 - 1992: ÖKO-HLA Yspertal
  • Sept. 1992 - März 1993: IVA GmbH
  • 1993 - 2003: Umweltberatung NÖ
  • 2003 - 2006: Ökobau-Cluster NÖ
  • Mai 2006: Geschäftsführer GUGERELL KG
  • Sept. 2011: Geschäftsführer IG Passivhaus
  • Juli 2010 - Febr. 2012: Furure Building GmbH
last update 10.12.2018